Über das künsterlische Schaffen von Sabine Hoffmann

»Ein starker Impuls, ein Müssen treibt mich«

Hunderte von Arbeiten hat Sabine Hoffmann geschaffen, aus Stein und Stoff, auf Papier, in Malerbüchern und für den öffentlichen Raum. Und immer wieder tauchen Augen und Hände auf. Am 22. Oktober feiert die Künstlerin ihren 90. Geburtstag. Eine Würdigung von Irene Ferchl*

Neben ihrer Haustür hängt ein Paar Arbeitshandschuhe, als habe die Bildhauerin sie nur eben abgestreift. Sabine Hoffmann empfängt die Besucher denn auch gleich mit der Bemerkung, kürzlich habe sie noch gemeißelt. Dazu reicht nun leider ihre Kraft nicht mehr und in dem kleinen Atelier inmitten ihrer Wohnung wäre zudem nicht genügend Raum. Die großen Steinarbeiten, die sie nicht mehr fertigstellen konnte, hat sie mit Schärpen ummantelt, die Unvollendeten so für irgendwann konserviert.

Mit schier unglaublicher Vitalität erläutert die 90-Jährige Pläne für die nächsten Arbeiten, auch das dritte Werkverzeichnis mit ihren Zeichnungen möchte sie in Angriff nehmen. Die beiden, bisher nur digital vorliegenden Verzeichnisse enthalten Installationen, Objekte und Skulpturen von 1982 bis 2010, beziehungsweise Arbeiten im urbanen Umfeld und in der Natur aus dem selben Zeitraum. Man rechnet unwillkürlich nach, doch es stimmt: Ihr plastisches Schaffen beginnt in den 80er Jahren, da war Sabine Hoffmann bereits 60. Seither ist ein Werk entstanden, das mit Abstand zu den interessantesten in der Region und darüber hinaus zählt, intellektuell anspruchsvoll, kompromisslos gegenüber dem Zeitgeist, durchdrungen von einem gesellschaftskritischen aufklärerischen Impetus und daneben voller Poesie, Humor und nie versiegender Hoffnung.

»Auch das Schöne hat doch in der Kunst seine Berechtigung«, ist sie überzeugt und lässt sich zu »schönen« Arbeiten, die keiner tiefschürfenden Ausdeutung bedürfen, durch Musik oder Texte anregen. So entstanden etwa Malerbücher, bibliophile Mappenwerke mit Radierungen und Lithografien zu Gedichten von Nazim Hikmet, Miguel Asturias, Louis Aragon, Henry Miller, Else Lasker-Schüler, Federico Garcia Lorca, Pierre Loti und anderen. Literatur spielte immer eine große Rolle: In den Jahren 1999 / 2000 hat sie zeitgenössischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern 48 »Buchköpfe« gewidmet, sehr unterschiedlich und bezugnehmend auf Publikationen. Es sind Wandobjekte mit einem Buchkorpus, möglichst etwas über Augenhöhe aufzuhängen, damit die Betrachter zu ihnen aufschauen. Einige ihrer liebsten hat sie um sich versammelt: Marguerite Duras, Johannes Bobrowski, Sylvia Plath, Ernst Bloch, auf dessen Händen sein Diktum – »Ich bin aber ich werde erst« –, Michail Bulgakow und Giannis Ritsos, der griechische Dichter, den Sabine Hoffmann durch die Vertonungen von Mikis Theodorakis kennenlernte. Nach dessen Oratorium »Die Sonne und die Zeit« ist eine ihrer jüngsten Wandinstallationen benannt, die auf sechs plakatformatigen, mit Latexfarbe bemalten Rahmenkorpussen Weltraumschrott zeigt, »darunter die neueste Kapsel namens Einstein, die auch den Weg des Zerfalls gehen wird«. Statt diese in die Höhe zu schießen, kommentiert die Künstlerin, hätte das Geld dafür den Menschen auf der Erde so viel Gutes bringen können!

Ausgestellt war diese Installation 2014 im Hospitalhof, dann mit zwanzig weiteren Arbeiten aus fast vier Jahrzehnten in einer großen Ausstellung mit dem Titel »Im schwarzen Raum« letzten Winter im Kunstbezirk Stuttgart.

Anlässlich des 90. Geburtstags werden vom 2. bis 15. Dezember im Foyer des Hospitalhofs zwei Wandinstallationen (»Verbindungen«) zu sehen sein, die Sabine Hoffmann mit Materialien aus dem Rohbau zum Lob der Arbeiter, genauer: der Elektroinstallateure, gestaltet hat. Zur Eröffnung gibt es ein Gespräch von Monika Renninger mit Sabine Hoffmann – die sich zu diesem Anlass nach dem Motto »jetzt gerade« ein bisschen frech (aber immer elegant) herausputzen will, vor allem den auffälligen Bernsteinschmuck anlegen, den sie vor Jahren in Kaliningrad gegen aus dem Westen mitgebrachtes Werkzeug eingetauscht hat. Auf dieser Reise konnte sie auch drei Jugendfreundinnen besuchen, die noch in Danzig leben.

 

Dort, im damaligen Freistaat Danzig, wo unter dem Schutz des Völkerbundes eine internationale Atmosphäre herrschte, wurde Sabine Hoffmann als zweite von vier Töchtern am 22. Oktober 1926 geboren. Ihr Vater Otto Hoffmann war Rechtsanwalt, die Mutter Charlotte Apothekerin, beide waren kunstinteressiert und pflegten viele Freundschaften. Die Künstlerin erinnert sich gern an ihre Kindheit, erzählt, wie sie auf die Schultafel der älteren Schwester einen Kirschbaum mit weißen Blüten und zugleich roten Früchten zeichnete, wofür der Vater sie lobte, und ihr anhand eines kleinen Ölbilds von Franz Marc mit drei bunten Pferden und einem Aquarell von Max Pechstein mit dem sogenannten »Italien-Blick« in Nidden die moderne Kunst erklärte. Die Mutter sang mit ausgebildeter Altstimme vor und weckte die Freude an der Musik – viel später sollte Sabine Hoffmann die Internationale Hugo-Wolf-Akademie mitbegründen.

Vor den BDM-Aktivitäten versuchte sie sich möglichst zu drücken, sie hasste die Kolonnen uniformierter Jungen und Mädchen und war heimlich stolz darauf, nie mitmarschiert zu sein. Die Eltern halfen in der NS-Zeit nach Kräften ihren jüdischen und polnischen Bekannten, doch nach der Eroberung Danzigs durch die Rote Armee wurde der Vater abgeholt und verschleppt. Im Herbst 1945 siedelte die Familie in den Westen über und Sabine Hoffmann durfte an den Kölner Werkschulen zwar nicht wie gewünscht Bildhauerei, zumindest aber Freie Grafik bei Professor Alfred Will studieren. Während eines zweijährigen Aufenthalts in Paris befasste sie sich mit den neuen Kunstströmungen, entdeckte Picasso, Moore und Tapies – doch ihren Lebensunterhalt konnte sie mit der Kunst nicht verdienen. Dank ihrer guten Sprachkenntnisse fand sie eine Stelle bei der Fluggesellschaft SAS, erst in Frankfurt, ab 1956 in Stuttgart. 1962 wechselte sie als Sekretärin zur Merz-Schule, später lehrte sie Freie Graphik an der Merz-Akademie. 1985 ging sie in den Ruhestand und startete ihre eigentliche Karriere als freie Künstlerin, obwohl sie bereits seit Ende der 1960er Jahre regelmäßig Grafik ausgestellt hatte, Radierungen und Lithografien, gedruckt auf der eigenen Presse oder in der Werkstatt des Stuttgarter Künstlerhauses in der Reuchlinstraße, von ihr 1978 mitinitiiert.

 

Das aktuelle Zeitgeschehen und die »Condition humaine«, die Grundbedingung menschlicher Existenz, forderten gleichermaßen ihre künstlerische Kreativität wie (kunst)politische Aktivität heraus. So schuf sie nach Claude Lanzmanns Film 1986 die »Shoa-Tafeln« zur Erinnerung an die polnischen KZ-Häftlinge, die die Wälder selbst roden mussten, um ihre Baracken zu bauen. Während des Zweiten Golfkriegs 1990/91 entstanden »Schutz-Räume“, zehn je zwei Meter hohe Objekte, fragile, anthropomorphe, begehbare Behausungen als symbolische Rückzugsorte, die zuerst unter dem Schloss Solitude, später an anderen Orten gezeigt wurden. Wer diese Installationen gesehen hat, erinnert sich noch Jahrzehnte später an unmittelbare, kraftvolle Raumeindrücke, schwer zu beschreiben, doch nachhaltig wirksam trotz der »armen« Materialien.

Ins ehemalige Straßenbahndepot am Vogelsang stellte Sabine Hoffmann im Wende-Winter 21 Bettkästen aus Schaltafeln vom Bau mit Leinenauflagen eine Installation – »Solitude … über das Schweigen in weiten Räumen« –, die unwissentlich vorwegnahm, dass wenig später am selben Ort Zuwanderer in Schlafboxen untergebracht wurden.


Liegende lebensgroße Körper, mal gestreckt, mal gekrümmt, sind ein häufig wiederkehrendes Thema und beeindruckend ausgeführt in dem Skulpturenprojekt »Euro-Terra«, das sie selbst so beschrieben hat: »Ein Mann und eine Frau sind liegend einander zugewandt, in kerbenartiger Vertiefung aus den Blöcken herausgearbeitet. Schnittstellen zeugen von der Gespaltenheit des Menschen, die durch die formale Geschlossenheit der Skulpturen aufgehoben, gleichsam geheilt ist. Je nach Umgebung werden sich in den Körpermulden im Lauf der Zeit Samen, Sand und Wasser sammeln, Vegetation entstehen. Der Mensch, sonst oft ein Schädling in der Natur, wird hier unlösbar mit ihr verbunden und gibt, eingebettet in den Stein als Bestandteil der Erde, Lebendiges an die Zukunft weiter.« Die beiden drei Meter langen Blöcke aus Crailsheimer Muschelkalk wurden von der Stadt Stuttgart erworben und auf dem Platz der Deutschen Einheit nahe dem Kultur-Kongresszentrum Liederhalle aufgestellt.

Zu erwähnen sind andere Werkgruppen für den öffentlichen Raum: Mauer- und Bodenbücher, freischwebende Hemdobjekte mit Spuren individuellen Lebens und kollektiver Erfahrung: »Farben der Geschichte« genannt, so lautet auch der Buchtitel ihrer mit Krisztina Jütten geführten Gespräche. 2002 wurden etwa 200 ihrer Werke der Kunstsammlung Würth übertragen, mit dem Erlös errichtete Sabine Hoffmann ihre Kunststiftung, um alle drei Jahre einen mit 3000 Euro dotierten Preis an eine Künstlerin zu verleihen, deren Werk von der Auseinandersetzung mit der »Condition humaine« geprägt und noch nicht gebührend gewürdigt worden ist. Die bisherigen Preisträgerinnen waren Ursula Laquai-IHM, Christiane Wartenberg und Gabriele Nasfeter, im kommenden Jahr wird Angelika Flaig ausgezeichnet.

»Ein Müssen treibt mich», sagt Sabine Hoffmann. Dass sie weiterhin arbeiten, ihrem Impuls folgen, ihre wachen Augen und schaffenden Hände nutzen kann, das wünschen wir ihr zu ihrem 90. Geburtstag!

Über ihr Lebenswerk

Um ihr künstlerisches Lebenswerk der Nachwelt zu übergeben und in Erinnerung zu halten, hat Sabine Hoffmann am 19. Juni 2008 die „Kunststiftung Sabine Hoffmann“ als unselbständige Stiftung des bürgerlichen Rechts errichtet.

Des Weiteren hat sie zu diesem Zweck ein Konvolut von über 200 Werken im Jahr 2002 an die Sammlung Würth übergeben. Juristischer Partner des entsprechenden Vertrages ist die Adolf Würth GmbH & Co. KG. Diese hat es übernommen – ohne Begründung einer Rechtspflicht – jeweils eine Auswahl der erworbenen Kunstwerke der Künstlerin der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, „zum Beispiel in einem der drei Museen von Würth (Museum Würth in Künzelsau, Kunsthalle Würth in Schwä-bisch Hall und Hirschwirtscheuer in Künzelsau) oder durch Gastausstellungen in an-deren Institutionen/Einrichtungen/Museen oder in sonstiger Weise, nach Möglichkeit in bestimmten Zyklen, beginnend spätestens im Frühjahr 2004.“

Ein Teil der Werke Sabine Hoffmanns in der Sammlung Würth wurde in der Ausstellung „Sabine Hoffmann. Aus der Stille“ vom 5. Mai bis 14. September 2003 in der Hirschwirtscheuer in Künzelsau gezeigt. In der Folgezeit war sie mit einzelnen Werken wiederholt an Ausstellungen beteiligt. Zuletzt wurde eine ihrer Arbeiten – TERRA AMATA VI – vom 31. Januar 2017 bis 7. Januar 2018 in der Ausstellung „Von Kopf bis Fuß. Menschenbilder in der Sammlung Würth“ (« De la tête aux pieds ») im Musée Würth France Erstein im Elsass bei Straßburg gezeigt.

Ganz aktuell ist Sabine Hoffmann in der Würth-Ausstellung „Von A bis Z. Künstlerbücher in der Sammlung Würth“, die vom 18. Oktober 2018 bis 5. Mai 2019 in der Hir-schwirtscheuer in Künzelsau stattfindet, mit zwei Werken* vertreten. Dort befindet sich ihr Name zwischen so bekannten Künstlern wie HAP Grieshaber und Wassily Kandinsky, von Salvador Dalí, Franz Marc, Pablo Picasso und Andy Warhol ganz zu schweigen.

Ein Teil ihrer Arbeiten auf Papier befindet sich in der Staatsgalerie Stuttgart. Die übrigen Werke werden in ihrem Archiv in der Stiftung Hospitalhof Stuttgart aufbewahrt. Von dort können sie jederzeit für die Ausstellung im Zusammenhang mit der Verleihung des Kunstpreises sowie für externe Ausstellungen verwendet werden und stehen Interessierten auch zum Kauf zur Verfügung.

 
* Verfolgte Bücher, 1999-2001
Fünf Buchobjekte, Bodeninstallation

 
* Über Bäume
(aus der Folge LIVRES CATAFALQUES), 1996
30 übermalte Kaltnadelradierungen des Zyklus
"Gestalt und Schicksal der Bäume" auf Stahlkonstruktion